Zukunft der Arbeit

zukunft der arbeitRichard David Precht ist Philosoph. Als solcher macht man sich Gedanken über die Phänomene auf unserer Welt. Man staunt, fragt, recherchiert, zieht logische Schlüsse. Und im günstigsten Fall kann man Antworten auf die wichtigen Fragen unserer Zeit geben. Precht überlegt, was für ein Stück denn gerade auf der Weltbühne aufgeführt wird. Wie die Zukunft der Arbeit oder die Zukunft unseres Bildungssystems aussehen wird. Er sucht nach den großen Zusammenhängen. Hat er welche gefunden, verpackt er sie in seit einiger Zeit schon höchst erfolgreiche Bücher und Vorträge. Diese verstehen auch Menschen, die nicht studiert haben.

Deshalb wundert man sich auch nicht, dass das Mannheimer Capitol seit Wochen ausverkauft war. Startup Mannheim, Dachmarke der Mannheimer Gründungsförderung, inszenierte gemeinsam mit kreativregion.de den Abend mit dem Philosophen unter dem Motto „Die Zukunft der Arbeit – Innovative Wertschöpfung im digitalen Wandel“.

Precht geniesst fast schon so etwas wie Kultstatus, und selbst seine Kritiker regt er mit gut durchdachten Argumentationsketten zum Nachdenken an. Der 1964 geborene Professor würzt seine Vorträge mit vielen anschaulichen und oft amüsanten Beispielen, die im Kopf hängen bleiben.

Precht ist davon überzeugt, dass wir mitten in einer Revolution stecken. Indikator hierfür ist vor allem, „in welch atemberaubenden Tempo unsere etablierten Parteien gerade abserviert werden“. Das „Betriebssystem bürgerliche Gesellschaft“, geboren in der italienischen Renaissance, ist alt geworden und bedarf dringend einer Umstrukturierung. Einer Anpassung an heute herrschende Verhältnisse. Es muss Lösungen liefern können, die zu den drängenden Anforderungen unserer Zeit passen.

 

Gesund für Mensch und Wirtschaft: Die drei-Tage-Woche

Menschen haben durch innovative Technik die Produktivität enorm gesteigert. Aber steigende Produktivität ohne steigende Nachfrage macht eben keinen Sinn. Nachfrage steigt einerseits durch vernünftige Bezahlung, andererseits auch durch die Zeit, die wir neben unserer „bezahlten Arbeit“ mit alledem verbringen, das uns interessiert. Es liegt auf der Hand, dass wir dank der umfangreichen Automatisierungsprozesse eigentlich in vielen Bereichen der Arbeitswelt mit deutlich weniger Arbeitszeit auskommen könnten. Der Altenpfleger, der nur noch drei Tage pro Woche arbeitet, da ihm ein sympathischer Pflegeroboter zum Beispiel schwere Hebearbeiten abnimmt, hat mehr Zeit für sich, leidet weniger häufig unter Burnout-Syndromen und arbeitet produktiver.

Denjenigen, die immer noch von der „Vollbeschäftigung“ träumen und die der Idee anhängen, dass die Digitalisierung auch eine Flut an ganz neuen Arbeitsplätzen schaffen werde, erteilt Precht eine klare und nachvollziehbare Absage. Es ist offensichtlich, dass zwar in einigen Berufssparten auch in der Zukunft menschliche Kräfte unverzichtbar sind, Maschinen aber einen Großteil „langweiliger Bürojobs“ und anderer Arbeiten schneller und besser durchführen können. Zu den Gewinnern der Digitalisierung gehören demnach das Handwerk und die „Empathieberufe“, wohingegen gut gepflegte Datenbanken die Menschen in Banken, Versicherungen, Behörden aber auch in Anwaltskanzleien problemlos ersetzen.

 

Arbeit nicht länger besteuern

Und dann? Wohin mit den Menschen, wohin mit all der Zeit, die wir nicht mehr im Büro verbringen müssen? Wer bezahlt uns wie? Wie sichern wir unsere Kaufkraft, wenn wir doch weniger arbeiten? Die Lösung liegt für Precht auf der Hand, seine Logik ist bestechend einfach und nachvollziehbar: Unser System, soziale Sicherungssysteme durch die Besteuerung von Arbeit zu finanzieren, hat ausgedient. Allein schon deshalb, weil die intelligenten Maschinen weder Steuern zahlen noch konsumieren. Die volkswirtschaftliche Rechnung geht nicht länger auf und ein neuer Denkansatz muss her: Das Bedingungslose Grundeinkommen! In Prechts Variante wird es durch eine Finanztransaktionssteuer finanziert, wir sprechen hier über einen Prozentsatz von 0,3% auf jede Transaktion. Ein BGE von 1500,- Euro und ein steuerfreier Hinzuverdienst von 1000,- Euro bietet Anreiz, sich zusätztlich zum BGE zu beschäftigen.

Die Herausforderung, ein Bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, liegt prinzipiell gar nicht in der Frage nach dessen Finanzierung. Sondern in der kreativen Herausforderung an jeden Einzelnen, sein tägliches Leben zu strukturieren. Sinn stiftende sowie erfüllende Tätigkeitsbereiche zu finden. Dies gilt gleichermaßen für den Projektmanager wie für den dann arbeitslosen Ex-Versicherungsangestellten oder Banker. Hier ist unser Bildungssystem gefordert, das Menschen darauf vorbereiten muss, eigenes Potenzial zu erkennen und zu nutzen.

Die Probleme unserer Zeit als Chance anerkennen! Die Zukunft der Arbeit begreifen und Perspektiven schaffen. Wenn man Richard David Precht zuhört, atmet man durch, denn seine Argumentationskette hebt sich erfrischend ab von den apokalyptischen Visionen mancher Zukunftsforscher. Und er liefert konkrete, durchdachte  Ideen, die Lust darauf machen, die Digitalisierung als den logischen nächsten Schritt menschlicher Evolution zu begreifen. Passen wir unsere Sichtweise an die Parameter des digitalen Wandels an und redesignen wir unser bürgerliches Betriebssystem.

Es bleibt spannend, und wir von diedigitale staunen für euch aufmerksam mit.

 

Titelfoto: Shutterstock. Foto Richard David Precht: Amanda Dahms

Diogenes Albers
Der Autor
Diogenes Albers
diogenes.albers@diedigitale.io

Journalist, staunender Philosoph, Andersdenker. Mediengestalter und kreativer Texter bei DIEDIGITALE. "Die digitale Welt ist ein starkes Stück menschlicher Evolution. Sie erfordert eine radikal neue Denkweise. Stellen wir uns der Herausforderung mit Optimismus und offenen Sinnen, dann finden wir auch erstaunliche Antworten, Ideen und Lösungen für alle modernen Probleme."